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Leseproben

Klicken Sie auf das Cover und schon erhalten Sie alle Bestellinformationen zu dem Buch bei www.amazon.deSchillers Vermächtnis

1. Kurz vorher hatte der Mann die Mallinckrodtstraße überquert. Er hatte dabei nicht aufgeschaut, sondern den Kopf  gesenkt gehalten und sich völlig auf die Verkehrsgeräusche verlassen. Eine Windböe hatte die Bäume auf dem Mittelstreifen geschüttelt, als er die gegenüber liegende Straßenseite erreichte, aber davon hatte der Mann sich nicht stören lassen. Er war zielstrebig in Richtung Nordmarktpark gelaufen, hatte kurz überlegt, ob er  den direkten Weg durch die Grünanlagen nehmen  oder lieber die Straße zwischen Nordmarkt und Grundschule gehen sollte und war schließlich auf den Park zugestrebt.

Das Pissoir, an dem er vorbeilief, verkam immer mehr zur Ruine, aber das hatte der Mann nicht bemerkt. Im Dortmunder Norden verfiel vieles zur Ruine, so dass es kaum möglich war,  auf jede Einzelheit zu achten.

Als er die Pergola unterquert hatte und den Schatten der Büsche und Bäume erreichte, war er plötzlich erstarrt. Jetzt hatte doch etwas seine Aufmerksamkeit erregt, aber er wusste nicht,  was es gewesen war. War es das Rascheln in einem Gebüsch gewesen, ohne dass gerade Wind wehte, oder ein Knirschen auf einem Kiesweg irgendwo ein paar Meter neben ihm? Obwohl ihm nicht klar war, was ihn irritiert hatte, hatte sein Instinkt ihm geraten, vorsichtig zu sein. Er hatte gelauscht, ein paar Sekunden lang, dann hatte er das Geräusch wieder gehört, diesmal einige Meter rechts vor ihm. Er hatte weiter gelauscht, aber danach war alles ruhig geblieben. Kein Rascheln mehr, kein Knirschen auf einem der Wege. Hatte sein Instinkt ihn  getäuscht? Hatte sich ein Vogel im Gebüsch bewegt, war etwas auf einen Kiesweg gefallen, was beides nichts zu bedeuten hatte?

Er atmete auf. Aber gerade, als er seinen Weg fortsetzen wollte, als er den ersten Schritt dazu  tat, ertönte ein Knall aus der Dunkelheit, kurz und trocken. Gleichzeitig spürte er einen stechenden Schmerz im rechten Oberschenkel. Er brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, dass Knall und Schmerz im Zusammenhang standen. Richtig klar wurde es ihm aber erst, als er nach seinem Bein griff und die warme Flüssigkeit spürte, die an der Hose herunter lief. Zu groß war die Überraschung gewesen, obwohl  sein Instinkt ihn gewarnt hatte. Erst als er das Blut in seiner Hand sah, als er merkte, wie es von dort auf den Boden tropfte, verstand er, in welcher Situation er sich befand.

Er wollte weglaufen, so schnell wie möglich, aber er schaffte es nicht. So sehr er sich auch anstrengte, er war unfähig, auch nur einen Schritt zu tun. Da wusste er, dass er jemandem, der es auf ihn abgesehen hatte, wehrlos ausgeliefert war. Dass er ein ungeschütztes, leicht zu treffendes Ziel abgab.

Ein, zwei Sekunden, die ihm endlos lange vorkamen, stand er  gebückt da, die rechte Hand auf den blutenden Oberschenkel gedrückt und mit pochendem Herzen darauf wartend, dass ein zweiter Knall ertönte. Ein Knall, den er vielleicht noch hören, aber nicht mehr  spüren würde. Der ihn umreißen und sein Denken auslöschen würde. Für immer. Aber er ertönte nicht, dieser Knall. So sehr er auch lauschte, die Dunkelheit  vor ihm blieb schwarz und still. 

Dann spürte er, wie sein rechtes Bein nachgab, wie er tatsächlich nach hinten stürzte, ohne dass es noch einmal geknallt hatte. Wie sein Denken dabei intakt blieb, und er rücklings neben den Büschen hinter dem Pissoir landete. Auch jetzt, das wusste er, war die Gefahr nicht  vorüber, auch im Liegen bildete er ein leicht zu treffendes Ziel. Als er jedoch wieder ein Rascheln hörte, ganz deutlich aus einem Gebüsch ein paar Meter vor ihm, als er daraufhin den Kopf hob und sah, dass sich jemand in der Dunkelheit  entfernte, der sich nicht mehr die Mühe gab, vor ihm verborgen zu bleiben, wusste er, dass die Gefahr vorüber war. Er starrte demjenigen, der mitten über den Weg lief und dessen hellen Hinterkopf er deutlich erkennen konnte, solange nach, bis sich der Umriss in der Dunkelheit auflöste. Dann ließ er erleichtert seinen Kopf fallen.

Mit einem Schuss in den Oberschenkel war er davon gekommen war. Das war alles, woran er dachte. Nicht, warum es geschehen war und warum sich derjenige, der es auf ihn abgesehen hatte, zuerst versteckt und danach so deutlich gezeigt hatte. Daran dachte er nicht. Er nahm sich vor,  erst daran zu denken, wenn der Schmerz im Bein nachließ. Dann aber, das wusste er, würde er es genau tun, sehr genau sogar. Und wenn ihn nicht alles täuschte,  wusste er auch schon, was dann zu geschehen hatte.

Ein paar Mal atmete er tief durch, merkte, wie das Blut weiter aus seinem Oberschenkel sickerte und der Schmerz stechender wurde. Dann begann er zu schreien, so laut und so schrill er es konnte.

(1. Kapitel aus: Schillers Vermächnis)

 

 

 

Der Pfingstgeist des Acki Becker

Es waren die Tage um das Pfingstfest nach meinem zehnten Geburtstag. Das Wetter war lausig. Bei jedem Regenguss stürmten wir in den Schuppen hinter unserem Haus und langweilten uns auf den Stufen der Treppe, die zum Stallboden hinaufführte. Der Regen trommelte auf die Teerpappe. Keine Chance, Fußball zu spielen.

„Komm, wir spielen: Der Pfingstgeist kommt“, schlug meine Schwester Lena vor. Kalle und Rudi zuckten mit den Schultern, aber Lena ließ sich nicht beirren. Sie rannte ins Haus und kam mit einem Eimer und dem neuen Kassettenrekorder zurück. Schrecklich schräpige Musik erklang. „Das ist indisch“, erklärte sie. „Klingt geheimnisvoll, nicht?“

„Und was ist mit dem Geist?“, fragte Kalle.

„Stell dich vor die Treppe und schließ die Augen“, kommandierte Lena. Kalle befolgte ihre Anweisung. Die Musik erklang wieder, noch geheimnisvoller als vorhin. Dann hörten wir Lenas beschwörende Stimme. „Der Geist kommt, er will zu dir. Bist du bereit, den Geist zu empfangen?“

Kalle schwieg.

„Bist du bereit?“, forderte Lena, nun deutlich lauter.

„Jau, mach schon“, sagte Kalle.

„Dann öffne die Augen und blicke nach oben.“ Kalle tat, was die Stimme befahl.

Ein Schwall kalten Wassers traf ihn. Er wollte die Treppe raufstürmen und Lena verhauen, aber Rudi hielt ihn zurück. „Lass mal, das ist Klasse. Damit können wir viele ärgern.“

Unser erstes Opfer war Walter Römer. Er war immer unser erstes Opfer, weil er alles glaubte, was wir ihm erzählten. Kalle durfte als Ausgleich den Eimer über ihm entleeren. Ich weiß nicht mehr, wie viele Opfer wir fanden, es waren einige. Mit der Zeit aber sprach unser Trick herum, keiner wollte mehr vor unserer Treppe im Schuppen stehen. Blieb nur noch Acki Becker.

Acki Becker trug meistens Sonntagskleidung. Seine Oma, bei der er nach dem Tod seiner Eltern wohnte, machte ihn gerne fein. Deshalb durfte er so selten mit uns spielen. Gegen ein Pfingstspiel hatte sie aber nichts einzuwenden. „Seit wann seid ihr denn fromm geworden?“, fragte sie erstaunt.

Acki Becker stand gespannt mit geschlossenen Augen vor der Treppe. Wir freuten uns. Endlich wieder ein Opfer. Der Eimer war randvoll.

„Bist du bereit, den Pfingstgeist zu empfangen?“, erklang wieder Lenas Stimme, ummalt von indischer Musik.

„Ja“, hauchte Acki, „ich warte schon lange auf dich, Geist.“

Der Schwall traf ihn mitten ins Gesicht. Nun würde er schimpfen und losheulen, hofften wir. Aber Acki Becker wandelte plötzlich los, mit halb geschlossenen Augen, die Arme vorgestreckt wie ein Schlafwandler. „E-bind-li-bich bi-bist dubi dabi, Gebi-ibist“, murmelte er.

„Was ist mit dem los?“, rief Kalle und schaute uns verwirrt an. Acki schien ihn nicht zu hören. „Debir Gebi-ibist ibist nubin dabi“, hauchte er schwärmerisch.

„Das ist Englisch!“, rief Rudi. „Seit wann kann der denn Englisch?“

„Quatsch!“, rief Lena. Sie war ganz sauer. „Englisch ist es nicht, das hört man doch.“

„Vielleicht ist es Latein“, vermutete ich. „Wenn man das mit deinem Geist lernen kann, will ich es auch so machen!“

Kalle rüttelte Acki, aber der blieb ein Geist beseelter Traumwandler. Schließlich sahen wir keine andere Möglichkeit, als seine Oma zu holen. Die sah ihm einen Moment lang misstrauisch zu, dann gab sie ihm einen Klaps in den Nacken. Im selben Augenblick verließ der Geist Acki Becker. „Aua!“, rief er.

Seine Oma klärte uns auf. Zusammen mit Acki hatte sie eine Geheimsprache erfunden. Hinter jedem A, E. I. O, U hatten sie ein „bi“ gehängt. Das Wort Vokal kannten wir alle nicht. Niemand konnte ihre Geheimsprache entziffern, wir auch nicht.

Der Geist ist da, nichts anderes hatte Acki Becker in seiner Bi-Sprache dauernd gefaselt. Wir waren erleichtert und lachten laut los. Acki am lautesten.

Seitdem weiß ich, was es mit dem Pfingstfest auf sich hat. Der Geist kommt. Auch wenn es für mich viele Jahre lang der Geist des Abickebi Bebickebir blieb, an den ich denken musste.

(aus: Der Trick mit der Schürze, Aschendorff Verlag München 2002)

 

 

 

Verweht

Was wird bleiben

da in den Bäumen die Zeit weht

 

Nicht das Blatt, auf dem ich schreibe

nicht der Stuhl, auf dem ich sitze

nicht der Boden, der unter meinen Füßen

knarrt

 

Nichts wird bleiben

da in den Bäumen die Zeit rauscht

 

Dann aber, wenn du mich hältst

und ich dich

wenn du nur mich siehst

und ich nur dich

fühlen wir

 

Ein Wort wird bleiben

gesprochen zwischen uns

verweht im Bruchteil

der Sekunde

 

 

Der Sommer fällt

Der Sommer fällt vom Baum

und zeigt ihn nackt

so wie er war

als ich die Arbeit hier begann

die mich begleitete durch

Regentage, viel zu viele

gefolgt von blauen Tagen gelben Lichts

die ihn dann werden ließen, Sommer

die kamen, gingen, die mir

fehlten, viel zu oft

 

Wie viel ist fertig hier

von meiner Arbeit

wie viel nicht

ach, nur ein Jahr

ein Jahr nur, dann

der Baum vor meinem Fenster

der nackte, von dem der Sommer

fiel an einem blauen Tage

gelben Lichts, unmerklich

Blatt für Blatt

Aus: Der Sommer fällt, Lyrikband

 

 

 

Warum elf?

Überlegungen zur einzig entscheidenden Frage im Fußball

Immer dieselben Fragen. Wer wird Meister, wer steigt ab? Warum Lehmann im Tor der Nationalmannschaft und nicht Olli Kahn? Nur die alles entscheidende Frage stellt wieder keiner. Warum elf? Es könnten doch auch zehn sein, die in  einer Fußballmannschaft spielen. Oder zwölf. Aber nein, es sind elf.

Ich sitze im Stadion, höre die Mannschaftsaufstellungen und frage mich: Warum werden nicht mehr, warum nicht weniger Namen aufgerufen?

Frage ich meinen Nachbarn nach dem Grund, gibt es jedes Mal ungläubiges Staunen. Was ist das den für einer? Was will der denn hier im Stadion?

Dabei sind Zahlen niemals zufällig, sie haben immer eine Bedeutung. Sieben zum Beispiel ist eine heilige Zahl. In sieben, nicht in acht Tagen ließen die Verfasser der Bibel Gott die Welt erschaffen. Sieben, nach der Anzahl der damals bekannten Sterne. Vielleicht aber auch, weil sie sich aus drei und vier zusammensetzt. Drei für die kleinste Form der Familie (Vater, Mutter, Kind), vier für die Elemente, in denen das Leben stattfindet (Feuer, Wasser, Wind und Erde).

Zwölf ist die Zahl der Fülle. In zwölf Neumonden hat sich der Zyklus des Jahres mit säen, wachsen, ernten und ruhen erfüllt.  Aus zwölf Stämmen bestand das Volk Israel. Als Jesus zwölf Jünger um sich versammelte, berief er symbolisch das gesamte Volk.

40 beschreibt die Dauer des verantwortlichen Lebens. Nach 40 Jahren Wüstenwanderung lebte keiner mehr von den Sündern mit dem „Goldenen Kalb“.

Ich starte eine Umfrage, aber Freunde, Fußballer wie Sportjournalisten, wissen keine Antwort. Nur ihre Überraschung ist. „Stimmt, darüber habe ich noch nie nachgedacht.“

Ein Ergebnis zeitigt die Privatumfrage aber doch. Im militärischen Bereich, besonders bei der Ausbildung, gibt es die Gruppe, die aus elf Leuten besteht. Aus 10 Mitgliedern und dem Anführer. Irgendwie hat sich diese Einheit in einer Männergesellschaft als ideal herausgemendelt. Sie ist so groß, dass sich Streithähne aus dem Weg gehen können und gleichzeitig so klein, dass sich ein Mannschaftsgefühl entwickeln kann. Eine Erfahrung, die auch die Fußball-Regelkundler gekannt haben könnten.

Ein Blick in ihr Regelwerk hilft übrigens nicht weiter. Dort steht nur, wann die die Zahl elf festgelegt wurde. Am 14. Juni 1897 war es, als Mitglieder eines internationalen Fußballgremiums bestimmten, dass in jeder Mannschaft elf Spieler kicken sollten.  Zum Warum sagen sie nichts, genau wie alle anderen Fußballbücher. Bis ich dann doch auf einen „Bruder im Geiste“ treffe. Werner Pieper heißt er und hat ein herrlich faktenreiches und gleichzeitig komisches Buch über Fußball geschrieben: „Der Ball gehört uns allen.“

Pieper hat herausgefunden, dass schon lange vor 1897, nämlich 1863 Vertreter von elf (!) Londoner Fußballvereinen erste Regeln festgelegt haben. Sie waren, nicht untypisch für England, überwiegend Freimaurer, die Zahlensymbolik geradezu lieben. Also befragte er Zahlenmystiker, die mehrer Theorien entwickelten.

11 besteht aus 1+1, die niemals 2 werden können, sich also niemals vereinigen, sondern immer einander gegenüber stehen.

Im 19. Jahrhundert war Fußball reiner Männersport, was Parallelen zu den Ritterorden möglich macht. Bei den orientalischen Tempelrittern zum Beispiel war der höchste Grad der Einweihung  in den Orden der elfte, der der Novizen einführte in das letzte Geheimnis der Männlichkeit.

In  der hebräischen Kabbala, Freimaurern sicher geläufig, gibt es auffällige Begriffe, die in der Numerologie den Wert elf haben: „attackieren“ etwa, aber auch „runde Form“, „runde Bewegung“.

Nicht zuletzt gibt es beim Tarotspiel 22 (!) Trumpfkarten. Die Zahl elf wird dabei gleichgesetzt mit dem 11. Geheimnis, das „Kraft“ oder „Stärke“, manchmal auch „Lust“ bedeutet.

Die Recherche belegt: Die Zahl elf hat ihre Bedeutungen, auch sie ist nicht zufällig. Trotzdem bleibt ein unbefriedigendes Gefühl. Ein endgültiger Beweis fehlt. Ein Spiel erobert die Welt, fasziniert alle Kulturen, aber niemand fragt nach dem Sinn seiner wichtigsten Grundregel. Alle bleiben bei der Frage stehen, wer wo spielen soll und wer am Ende Meister wird.

(aus: Die Helden aus dem Fußball-Westen, Aschendorff Verlag Münster 2001)